von Nadine Brendelberger
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21. März 2020
Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Es war ein Dienstag, der 10. Dezember 2019, um 14.30 Uhr. Ich war gerade bei einer Kundin um ihren Kleiderschrank zu organisieren, als der Anruf kam, der mein ganzes Leben verändert hat. Ich hatte Wochen zuvor einen Knoten an meiner Brust ertastet, der sich wie eine kleine Murmel, die ich hin und her schieben konnte, anfühlte. Die Sache hat mich anfangs nicht wirklich beunruhigt, aber irgendwie auch nicht kaltgelassen. Ich suchte einige Tage später meine Frauenärztin auf; ich hatte sowieso einen Termin zur normalen Vorsorge. Ich erzählte ihr, dass ich an meiner Brust was ertastet habe. Sofort hatte sie sich davon überzeugen wollen, tastete mich ab und rief ihrer Helferin währenddessen zu: "Tumor....blablabla" - mehr habe ich in diesem Augenblick nicht mehr verstanden. Meine Tränen konnte ich leider nicht unterdrücken. Ich habe mir die Diagnose bereits selbst gestellt. Brustkrebs - und das mit 38! Die Ärztin meinte zu mir: "Tumor - so nennen wir erst mal alles, kein Grund zur Beunruhigung." Sie diagnostizierte nämlich nur ein Zyste. Ich sollte in 3 Monaten wieder kommen. Falls es mich aber beunruhigen würde, würde sie die Zyste entfernen, NUR damit ich beruhigt wäre. Ich hatte nach dieser Diagnose irgendwie kein gutes Gefühl und wollte mir unbedingt eine Zweitmeinung einholen, und wenn nötig auch eine Drittmeinung. 10 Tage später war ich bei einem anderen Frauenarzt zum Ultraschall. Er bestätigte mir ziemlich schnell, dass die Sache nicht normal ist und dass wir gleich eine Mammographie machen sollten. 3 Tage später wurde ich von der Arzthelferin angerufen und man hat mir gesagt, dass die Mammographie unauffällig war und ich in erst in 3 Monaten zur Kontrolle wieder kommen solle. Auch hier hat mein Bauchgefühl gesagt, dass ich das besser nicht so stehen lassen sollte. Auf der einen Seite sagte man mir, dass der Ultraschall auffällig gewesen war und auf der anderen Seite sollte nur dadurch die Luft rausgenommen werden, weil in der Mammographie nichts gesehen wurde. Ich wollte die absolute Sicherheit und bestand auf eine Biopsie, welche dann eine Woche später durchgeführt wurde. Nach einer sehr unangenehmen Betäubungsspritze, wurde mir 4x in die Brust gestanzt, um an verdächtigter Stelle Gewebe zu entnehmen. Die Tage danach ging es mir nicht besonders gut. Es waren wahrscheinlich die Vorahnungen, die dir den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn sie schwarz auf weiß bestätigt werden. Ja, es war Dienstag, der 10. Dezember, um 14.30 Uhr, als mich mein Frauenarzt anrief, um mir zu sagen, dass ich Brustkrebs habe. Ich konnte überhaupt nicht fassen, was mir gerade passierte. Er informierte mich sofort am Telefon über den weiteren Ablauf, ich konnte ihm jedoch kaum folgen. Er sagte mir, dass ich operiert werden müsste, am besten noch vor Weihnachten, fragte mich, in welches Krankenhaus ich wolle, und sagte mir, dass seine Praxis weitere Termine für wichtige Voruntersuchungen vereinbaren würde. Um festzustellen, ob der Tumor bereits gestreut hatte, müsse vorher ein Röntgenthorax, eine Knochenszintigrafie und eine Lebersonographie gemacht werden. So viele Pläne und Vorfreude hatte ich für die kommenden Wochen gehabt, leider musste ich alles absagen. Meine Schrankaufträge, unsere Tanzauftritte und auch eine kleine Reise nach München. Nicht, dass es das Schlimmste gewesen wäre, nur darauf verzichten zu müssen, nein, es wurde auch noch durch diese schreckliche Tatsache ersetzt. Ich war sehr froh, dass ich an jenem Abend nicht alleine war und ich auch in der ganzen Zeit ständig umsorgt wurde. Das allerschlimmste Gefühl jedoch konnte mir anfangs keiner nehmen, nämlich meine Todesangst. Nur der Gedanke, dass ich vielleicht sterben muss und ich dann das Allerwichtigste in meinem Leben zurücklassen würde, hat mich innerlich zerfetzt. Ich hatte die komplette Kontrolle verloren, was für einen Kontrollfreak besonders schlimm ist. Der Tag danach war dann richtig hart, erst da hab ich alles wirklich realisiert. Meinen Kindern und Eltern diese Nachricht zu überbringen, war auch kein schöner Moment. Ich musste meinen Kindern antworten: "Nein, die Mama muss nicht sterben!", war mir aber in Wirklichkeit überhaupt nicht sicher, da es noch keinen genauen Befund über Agressivität und Stadium des Tumors gab. An diesem Tag konnte ich kaum was essen, weil bei jedem Bissen habe ich gefühlte Stunden gekaut, inklusive dem dauerhaften Verlangen mich zu übergeben. Das erste Mal im Leben hatte ich Angst um mich selbst. Es war Mittwoch, der Tag vor einer der wichtigsten Untersuchungen auf diesem Weg. Ich sollte donnerstags das Röntgenthorax und die Knochenszintigrafie gemacht bekommen, allerdings erst die Woche drauf die Lebersonographie und die Vorstellung im Krankenhaus. Weil diese Warterei meinen Zustand stündlich verschlimmert hat, nahm ich das Ganze selbst in die Hand, um alles zu beschleunigen. Für mich hat jeder Tag gezählt und ich wollte den Tumor so schnell wie möglich entfernt bekommen. Daher bin ich am Abend bei meinem Frauenarzt auf der Matte gestanden und habe ihn dringend gebeten, zu versuchen, meine Termine irgendwie vorzuziehen, was ihm dann auch gelang. Mein Ziel war nämlich, am Ende der Woche mit allen notwendigen Befunden im Bruchsaler Krankenhaus vorzusprechen. Die Nacht vor Donnerstag war die Hölle. Ich kann diese Gefühle überhaupt nicht in Worte fassen. Es war einfach nur schlimm. Eine Wahnsinns Last ist von mir gefallen, nachdem mir der Arzt dann am Donnerstagmittag bestätigt hatte, dass sowohl die Lunge und auch die Knochen keine Metastasen aufwiesen. Ich habe einen kleinen Lichtblick gesehen und es ging mir auch ein bisschen besser. Am Freitag wurde die Lebersonographie durchgeführt und auch da war kein Hinweis auf eine Metastasierung. Somit hatte ich meine ganzen Befunde zusammen und habe im Krankenhaus Bruchsal alles für meine OP in der kommenden Woche klar gemacht. Die Tage bis dahin vergingen nicht sehr schnell. Ständig dieses Wechselbad der Gefühle, manchmal war ich positiv und manchmal am Boden zerstört. Freitags, vier Tage vor Weihnachten, wurde ich dann endlich operiert. Nach der OP fühlte ich mich sehr erleichtert und hatte wieder Kraft positiv zu sein. Zu wissen, dass was Bösartiges in einem drin ist, ist ein furchtbares Gefühl. Deshalb war nach der OP ein weitere Hürde geschafft. Danach ging die Warterei auf den Befund los, denn zwischen den Jahren wird leider auch bei den Pathologen auf ein Minimum runtergefahren. Ich habe über 4 Wochen auf meinen Befund warten müssen. Allerdings wurde ich schon vor meiner Befundbesprechung wieder ins Krankenhaus bestellt, ohne dass man mir gesagt hat, um was es geht. Ich wusste schon am Telefon, dass das kein gutes Zeichen ist. Die Ärztin sagte mir dann, dass es zwei Nachrichten für mich gibt, eine gute und eine schlechte. Die schlechte Nachricht war, dass ich nochmal operiert werden musste, weil der Tumorrand nicht krebsfrei war. Buff, nochmal ein Schlag ins Gesicht. Meine Energie und Positivität der letzten Wochen war mit einem Satz weg. Die gute Nachricht war, dass mein Wächterlymphknoten (der Hauptlymphknoten), welcher mir auch entnommen wurde, frei und nicht mit Krebszellen befallen war. Man hat mir gesagt, dass, wenn das der Fall ist, dass das schon die halbe Miete sei. Glück im Unglück oder so ähnlich... wieder eine Warterei und innerliches Chaos bis zur nächsten OP. Es wurde also ein weiterer OP-Termin für die darauffolgende Woche vereinbart. Auch nach dieser Operation habe ich mich sehr viel besser gefühlt, weil jeder Schritt einer mehr nach vorne ist. Voller Glück war ich dann, als ich meinen Befund bekam und ich erfuhr, dass dieses Mal krebsfrei operiert wurde und ich keine Chemotherapie brauche. Ich kam mit einer 6 wöchigen Bestrahlung davon. Ich wurde oft gefragt, ob die Bestrahlung selbst weh tut. Nein, die Bestrahlung an sich tut nicht weh, man sollte nur auf Deospray und scharfe Waschlotionen verzichten. Ich habe leider nicht gehorcht und hatte deshalb Verbrennungen. Begleitend dazu, begann im Februar meine Antihormtherapie über mindestens 5 Jahre, in Form von Tabletten. Mein Tumor war hormonabhängig, und durch die tägliche Einnahme dieser Tabletten werden meine Östrogenrezeptoren blockiert. Jeden Tag um die selbe Uhrzeit wird man nochmal kurz erinnert, was man erlebt hat und dass man auf sich aufpassen muss. Eine letzte wichtige Sache, finde ich. Das Leben hat mich in dieser Zeit regelrecht dazu gezwungen, auszusortieren und alles von mir zu schieben, was mir auch nur ein Fünkchen an Energie raubt. Man hat in so einer Zeit keine Kraft für Energiesauger. Du brauchst Menschen um dich rum, die bedingungslos für dich da sind und von dir überhaupt nichts einfordern. Die Guten und nicht so Guten, die lernst du in solchen Zeiten sehr intensiv kennen. Ich bin unendlich dankbar, für meine Familie, für die unersetzbaren und echten Freundschaften, die ich habe, ... und für den Mann, der mich durch die schlimmste Zeit meines Lebens begleitet hat. Mein Ziel mit diesem Beitrag: Ich möchte allen Frauen, die mein Schicksal teilen, Mut und Kraft geben, weil es gibt nichts schön zu reden, das war zweifellos eine schlimme Zeit. ABER: Durch meine Lieblingsmenschen und meine Positivität zu den Dingen, konnte ich all meine Kraft aufbringen und habe mich durch diese beschissene Zeit gekämpft. Wenn ich auch Tiefpunkte und verzweifelte Momente hatte, ein kleiner Gedanke an meine beiden Kinder haben ausgereicht, dass ich nicht vergessen habe, wofür ich kämpfe, dass ich stark sein muss um diese Zeit zu überstehen und auch zu überleben. Sich zu sagen, wofür es Sinn macht zu leben und warum man diese Welt nicht unter diesen Umständen und auch jetzt noch nicht verlassen möchte, hat oft geholfen. Ich bin erst 39 Jahre alt und überhaupt noch nicht fertig mit diesem Leben. Ich habe noch so viele Träume und Wünsche und meine Lebenslust ist am Ende immer stärker, als meine Angst diesen Kampf verlieren zu können. Immer wenn ich einen Kampf mit der Angst führe, dann kommt mir das Lied von Vicky Leandros in den Sinn: "Ich liebe das Leben" und für diese Tatsache kämpfe ich jeden Tag.